Eurogamer Vorschau

Eine Amnesie folgt in der realen Welt meist einem knallharten Unfall mit Schädel-Hirn-Trauma.
Manche Menschen verlieren Jahre ihres Lebens, können sich weder an Verwandte, Freunde oder den eigenen Lebenspartner erinnern.
In Videospielen bekommt man stattdessen direkt ein Schwert in die Hand gedrückt und darf die Welt retten – Two Worlds, The Witcher, Lost Planet, diverse JRPGs...
Ergo-, Physio- und Psycho-Therapie, alles Quatsch.

Und auch bei Fallout: New Vegas reicht ein intensives Gespräch mit eurem Retter Doc Mitchell und peng, ihr seid wieder einsatzbereit.
Gerade noch halbtot im Straßengraben gelegen, nun einfach ein Gewehr in die Hand nehmen, eine kleine Gruppe Unterstützer um sich scharen und ohne Sorgen wird eine komplette Gangsterbande hopsgenommen.
Zumindest beim Einstieg kann Spin-Off-Spezialist Obsidian Software also nicht mit Bethesda mithalten.
Der Einstieg mit eurer Geburt wurde bei Fallout 3 nämlich nicht nur deutlich origineller, sondern dank einiger emotional packender Szenen in eurer Jugend auch deutlich glaubwürdiger gelöst.
Einen ähnlich schwachen Eindruck hinterlässt die Optik.
Denn die Zeit hat es mit der Fallout-Engine nicht sonderlich gut gemeint. Vor allem was Detailgrad und Animationen angeht, bewegt sich der Endzeitthriller höchstens im Mittelfeld.
Steife Bewegungen, mittelprächtige Texturen und sich auf der Stelle drehende Charaktere sind 2010 nur schwer zu ertragen.

Doch bei einem Rollenspiel ist die äußere Schale zumindest auf den zweiten Blick uninteressant.
Wie schon beim Vorgänger lebt das Spiel von packenden Aufgaben, skurrilen Charakteren, viel Entscheidungsfreiheit und der offenen Spielwelt. Elemente, bei denen Obsidian mit viel Kreativität punkten möchte.
Ihr erstes Recherche-Objekt: Die aktive Modding-Community.
Gleich mehrere Spielelemente wurden praktisch direkt von den kreativen Hobby-Programmieren übernommen.


Erstmals lassen sich die Waffen upgraden und so an eure Spielweise anpassen.
Steht ihr auf Fernkämpfe?
Dann könnt ihr selbst an einen einfachen Revolver ein Fernrohr ankleben. Für mehr Munition ein dickeres Magazin, für mehr Feuerkraft spezielle Munition und natürlich auch ein Schalldämpfer, um die Gegner lautlos um die Ecke zu bringen.
Visiert ihr Gegner mit einer falschen Waffe an, erscheint neuerdings ein Schild-Symbol und das Level-Cap liegt bei Level 30.

Außerdem hören eure Begleiter endlich auf Kommandos.
Statt blind ins feindliche Feuer zu laufen, könnt ihr Hund, Katze, Maus und Ghoul nicht nur blitzschnell heilen, sondern sich auch im richtigen Moment in Deckung gehen lassen.
Auf die Frage, ob man sich endlich auch einen eigenen Roboter zusammenbauen kann, gab es ein simples „Kein Kommentar“ als Antwort.

Auch das Rufsystem wurde von Obsidian nach dem Vorbild der kreativen Add-On-Designer komplett überarbeitet.
Je nachdem, wie ihr euch verhaltet, ändert sich nicht nur die Reaktion der NPC-Charaktere, sondern auch eure Auswahl an Fähigkeiten.

Neu ist außerdem der Hardcore-Modus, der die Daumenschrauben kräftig anzieht.
Auf einmal hat Munition ein Gewicht, ihr müsst ständig trinken, um nicht zu verdursten, und die Stim-Packs heilen nur noch über Zeit.
Aus dem lauschigen Wüstenspaziergang kann so schnell ein Horror-Trip mit Todesfolge werden.
Herrlich!

Doch zurück in das staubige Wüstenstädtchen Goodsprings, in dem ihr in der Obhut von Doc Mitchell aufgewacht seid.
Um eure Charakterdaten zu bestimmen, führt der der Doktor einen Multiple-Choice- und Rohrschach-Test mit euch durch und fragt die Erinnerungen eures stummen Hauptcharakters ab.
Aus Antworten wie „Gewalt liegt nicht in meiner Natur“ entstehen Charakterausrichtungen, die ihr einfach übernehmen könnt oder nachträglich noch einmal überarbeitet.
Die Werte aus Stärke, Intelligenz, Charme, Ausdauer, Geschicklichkeit, Glück, Reaktion und Aufmerksamkeit bestimmen euren Umgang mit Nahkampfwaffen, verschiedenen Waffensystemen oder dem Knacken von Schlössern.

Wie es sich für eine Fortsetzung gehört, warten auf euch neue Fähigkeiten, Gegenstände und tonnenweise Waffen.
So sorgt das Perk „Fore!“ für einen kräftigen Knockdown.
Ausprobieren können wir diese Kräfte gleich bei unserem ersten Einsatz. Doc Mitchell hat uns den Auftrag gegeben, Gangsterboss Joe Cobb auszulöschen.
Doch um ihn und seine Bande zu besiegen, braucht ihr Helfer.
Ihr zieht also durch das kleine Dorf und erledigt fleißig Nebenaufgaben, um die durchgeknallten Charaktere auf eure Seite zu zeihen.

Mit diesem praktischen Companion-Wheel habt ihr endlich eure Begleiter im Griff.

Zuerst greift ihr der burschikosen Sunny Smiles beim Säubern der Wasserlöcher unter die Arme und erledigt dabei im Sekundentakt Geckos aus Fallout 1.
Holt euch von Easy Pete mit einem Explosions-Skill von über 25 ein paar Dynamit-Stangen.
Und überredet Chet mit eurem Verhandlungs-Skill, eure kleine Truppe mit Ausrüstung zu versorgen

Zum großen Showdown trefft ihr euch wie beim Western-Klassiker High-Noon auf dem Dorfplatz und erledigt mit der brandneuen Ein-Schuss-Schrotflinte, dem todschicken Golfschläger, einer dicken Ladung Sprengstoff und natürlich dem bewährten VATS-System eure Widersacher. Doch Fallout: New Vegas wäre kein Fallout, wenn es nicht einen anderen, deutlich düsteren Weg gäbe.
Anstatt nämlich Joe Cobb aus der Welt zu schaffen, könnt ihr euch auch mit ihm verbünden und das gesamte Dorf niederbrennen.
Eine wirklich teuflische Alternative, auch wenn sie nicht ganz an das Atombomben-Massaker an Megaton herankommt.
Gleichzeitig gehen mit diesem Schritt auch einige Nebendungeons in Flammen auf, die euch in Goodsprings erwarten.
Ihr verpasst die Monster im Schulgebäude, kommt nicht mehr dahinter, warum euch Victor der Roboter gerettet hat und könnt keinen Blick mehr in die Geisterstadt wagen.


Mit der dicken Maschinenkanonen schnetzelt ihr Super-Mutanten im Sekundentakt.


Nach diesem ausführlichen Einstieg führten uns die Jungs von Obsidian auf eine Rundfahrt durch die kaum verstrahlte Mohjave-Wüste.
#Ohne lohnenswerte Ziele gingen hier deutlich weniger Atombomben runter als etwa in Washington. Das Spielgebiet erreicht dabei ähnliche Ausmaße wie in Fallout 3.
Wir bestaunten das heruntergekommene Primm mit seiner gewaltigen Achterbahn und seinen abgehalfterten Casinos.
Bestiegen Dickie, den Dinosaurier, eine 15 Meter hohe Pappmaché-Figur, die als Attraktion den Apartment-Komplex „No Vac(ancy)“ aufwerten sollte und landeten kurz vor Schluss im geheimen Black-Mountain-Armee-Komplex.
Diese komplett verseuchte Radaranlage wird von zwei Super-Mutanten-Lagern bewohnt.
Einmal die etwas harmloseren und vor allem primitiveren Exemplare aus dem ersten Fallout-Teil und die beinharten Kämpfer aus dem zweiten Teil.
Euer Ziel ist es, die beiden Fraktionen gegeneinander aufzuhetzen und mit dem Rest den Boden aufzuwischen.
Mit dem entsprechenden Sprache-Skill geht das recht einfach.
Wachen ausschalten, Radiostation übernehmen und mit ein paar knackigen Beleidigungen für einen Aufstand sorgen.

Bevor ihr euch aber danach daran macht, Tabathea, den Transvestiten-Supermutanten mit blonder Perücke, Herzchen-Brille und Vorschlaghammer zu erledigen, solltet ihr euch aber erst noch einen Mitstreiter suchen.
In einem Nebenbunker wird Raul der Ghoul gefangen gehalten, der euch mit einem „Wo hast du so lange gesteckt, Arschloch?“ empfängt und mit seinen Sprüchen so für einige Lacher gut ist.
Nachdem ihr ihn mit einer Rüstung und ein paar Waffen versorgt habt, könnt ihr euch endlich um den nächsten „Boss“-Gegner kümmern.
Zum Glück verfügte der Vorführcharakter über einige wirklich bösartige Schießprügel.

Ganz oben auf der „Badass“-Liste: Eine mächtige Maschinenkanone, die gleich eimerweise Granaten verschießt.
Aber auch ein Raketen-Scharfschützengewehr und einige andere Spezialwaffen warten in der düsteren Location auf ihren Einsatz.
Die finale Schlacht um Black Mountain ist entsprechend episch, doch auch unsere trans***uelle Supermutantin ist nach ein paar Minuten Geschichte.
Die letzte Anlaufstelle ist nicht etwa New Vegas selbst, sondern das Solar-Energy-Kraftwerk Helios One.
Mitten in der Wüste gelegen, könnte das von der Poseidon Energy Company gebaute Schmuckstück wieder etwas Zivilisation in die Einöde bringen. Doch leider bekommt die Organisation NCR das Ding einfach nicht zum Laufen.


Hässlich, übellaunig und gemein: Raul, der Ghoul.

Ihr werdet ausgeschickt, um nach dem rechten zu sehen und trefft gleich zu Beginn auf das größte Problem: Den Hochstapler Mr. Fantastic.
Der Mann hat nämlich nur ein theoretisches Diplom in theoretischer Physik und keinen blassen Schimmer, was er da tut.
Also macht ihr euch selbst zum Zentralcomputer auf und stolpert dabei über ein paar ungewöhnliche Zusatzfunktionen.
Wer sich nicht spoilern möchte, sollte spätestens hier in Richtung Fazit springen.

Der Rest freut sich über die Entdeckung einer mächtigen Satelliten-Waffe, die euren Feinden statt Zivilisation und Strom vielmehr Tod und Zerstörung bringt.
Der gute Weg ist also die simple Aktivierung des Kraftwerks und als Belohnung die Freundschaft des NCR.
Der böse Weg wird mit dem Reboot des Laser-Satelliten Archimedes II gestartet.
Gar nicht erfreut darüber, versuchen euch anschließend die Wachen aus dem Kraftwerk zu werfen.
Doch die heranstürmenden Kämpfer werden erst von ein paar kleinen Laserstrahlen und anschließend von einem gebäudezerfetzenden Monsterangriff in kleine Stücke zerfetzt.
Das Ziel dieser hinterhältigen Sabotage: Ein kleines Steuergerät, das euch ein paar Quests später ermöglicht, einmal pro Tag mit Archimedes II auf normale Gegner zu schießen.
Fast noch besser als der Mini-Nuke-Werfer aus Teil 3.


Eine Augenweide: Archimedes II in Aktion.


Nur um das nochmal klarzustellen: Fallout: New Vegas ist kein richtiges Sequel und schon gar kein Fallout 4.
Es ist ein Spin-Off, das sich bei den meisten Gameplay-Elementen und der kaum veränderten Grafik-Engine bedient, sich aber auch bei Story, Charakteren und Spielwelt auf ähnlich hohem Niveau bewegt.

Angesichts der Qualität des Originals ist das Ganze also auf keinen Fall ein Beinbruch, sondern ein weiterer interessanter Ausflug in die Welt von Fallout.
Obsidian sollte bis zum Release im Herbst nur ein wenig an der Grafik und vor allem am Animationssystem arbeiten.
Was 2008 gerade noch so in Ordnung ging, ist 2010 hoffnungslos veraltet. An den erstklassigen Rollenspiel-Qualitäten ändert das zwar kaum etwas, aber ohne ein wenig Eye Candy wird man kaum neue Fans gewinnen können.

Fallout-3-Veteranen, denen das ganze Bling Bling sowieso egal ist, dürfen sich also trotz des eher durchschnittlichen Einstiegs auf ein episches Abenteuer freuen, das genug Gameplay-Neuerungen bietet, um nicht als überdimensioniertes Add-On durchzugehen.
Viva, New Vegas!

Fallout: New Vegas erscheint im Herbst 2010 für Xbox 360, PC und PlayStation 3.


Quelle: www.eurogamer.de