XO LustikuS
29.10.2011, 06:53
Ein recht Diskussionsbedürftiger Text, aber unterhaltsam zu lesen. Vielleicht was fürs Wochenende :-) Habe ich im Netz auf eltern-im-netz.de gefunden. Dort gibt es noch mehr interessante Geschichten, aber fangen wir vielleicht mal mit dieser hier an.
15692
Kiffen, chillen, rumhängen: Das sind die einzigen Hobbys von Tausenden Jugendlichen in Deutschland. Arthur ist einer von ihnen. Der 21-Jährige kifft täglich, braucht die Droge, um wenigstens für ein paar Stunden aus seiner tristen Realität zu fliehen. Eltern-im-Netz-Redakteur Frank Torthoff war zu Besuch in dieser Realität.
Das muss es sein. Ich blicke nach oben und zähle sechzehn Satellitenschüsseln und vier rote Flaggen mit einem Halbmond und einem Stern, die traurig von den unzähligen Balkons hinab hängen. Sie wehen nicht, denn die Häuser, die bis in den Himmel ragen und den betonierten Innenhof umzingeln, lassen keinen Wind durch. In diesem tristen Wohnblock wohnt Arthur, 21, Hardcore-Junkie. Täglich raucht er in seiner Cannabiszigarette (“Bong”) Haschisch, oder, wie er es nennt, “Gras”. Die Drogen sind seine letzte Hoffnung, sein alltägliches Mittel, mit dem er vor der traurigen Realität Leben fliehen will. Und dieses Leben möchte ich mir heute ansehen.
Ich öffne die milchglasige Eingangstür und gehe rein. Es riecht nach Suppe und Urin, und wenn man ganz leise ist, kann man die arabischen Großfamilien streiten hören, die wie Vieh eingepfercht mit bis zu acht Leuten in einer der winzigen Wohnungen leben. Der Fahrstuhl ist schon lange kaputt, an der metallenen Tür hängt ein Zettel mit der Aufschrift “Defekt”, flüchtig mit Edding hingekritzelt und mit Tesafilm billig festgeklebt. Mühselig steige ich die Stufen bis in den 6. Stock, und mit jeder Etage wird die Luft dicker und der Uringestank stärker. Als ich angekommen bin, schaue ich aus dem Fenster. Von hier oben kann man die ganze Nachbarschaft überblicken, und von hier oben sieht sie nochmal ein Stück trister aus als von unten. Vor einer Tür bleibe ich stehen und klingel. Drinnen summt es schrill, dann herrscht Stille. Nach ein paar Sekunden höre ich Türen und dumpfe Schritte auf dem Teppichboden. Die Tür geht auf.
Ein Leben im Elend
Vor mir steht Arthur, in einer hellgrauen, viel zu breiten Jogginghose und einem T-Shirt mit der Aufschrift “Schule gefährdet die Gesundheit”. Er ist barfuß, und man kann sehen, dass er sehr lange Fußnägel hat. Im Gesicht trägt er einen fiesen Oberlippenbart und die schwarzen, ohrlangen Haare sind noch nass. “Ach, hallo”, sagt er, “entschuldigen Sie, ich komme gerade aus der Dusche. Kommen Sie rein.” Er reicht mir die Hand, und gerade, als ich ihm meine entgegen strecke, sehe ich, dass auch die Nägel an seinen Fingern ungeschnitten sind, und ziehe sie wieder zurück.
Im Hausflur riecht es muffig, nur Arthurs frisch gewaschenen Haare verstreuen ein wenig den Geruch von Kokosnuss. Bevor ich meine Weste an die Garderobe hänge, nehme ich vorsichtshalber all meine Gegenstände aus den Taschen und stecke sie in die Hosentasche. Arthur führt mich zu seinem Zimmer, es liegt ganz am Ende des Flurs. Auf dem Weg dahin kommen wir an der Küche vorbei und an einem Zimmer, dessen Tür verschlossen ist. Ich frage ihn, was das für ein Zimmer sei. “Das ist das Schlafzimmer meiner Mutter”, antwortet er. “Was arbeitet sie denn?” – “An einer Tankstelle. Deswegen ist sie jetzt auch gerade auf der Arbeit.” Eine verschlossene Schlafzimmertür, eine Tankstellenwärterin als Mutter – die perfekte Ausrede. So kann er zu jeder Zeit behaupten, seine Mutter sei gerade arbeiten, während sie in Wirklichkeit nachmittags um fünf in ihrem Bett liegt und ihren Rausch ausschläft.
Endstation: Kiffer
Als wir an Arthurs Kinderzimmer angekommen sind und er die Tür öffnet, dröhnt Musik entgegen. Es ist typische Drogen-Musik, wie sie auch auf Heroin-Feten wie der Loveparade gespielt wird. Die schnellen Rhythmen und die wummernden Bässe versetzen den Abhängigen in einen Zustand der Trance, der die Drogenwirkung nochmals verstärkt – wenn der Haschisch-Kick allein nicht genug ist. “Moment, ich mach das eben leiser”, sagt Arthur, geht schnell zu seinem Computer und dreht die Lautstärke runter.
Das Zimmer ist winzig; auf der linken Seite ein mit Stickern beklebter Kleiderschrank, daneben ein Schreibtisch, auf dessen Tischplatte mit Edding herumgekritzelt worden ist. Auf der gegenüberliegen Seite steht eine verranzte Couch, dazwischen ein bis zu den Knien reichender Glastisch, auf dem durcheinander gebrachte Zettel und Mappen liegen.
“Hast du kein Bett, musst du auf dem Boden schlafen?”, frage ich Arthur. “Doch, da”, antwortet er und zeigt auf die durchgesessene Couch. “So ein Klappsofa, das kann man ausziehen.” Er sagt mir, ich könne mich gerne setzen, aber auf dieses Sofa setze ich mich auf gar keinen Fall. Wer dort schon alles drauf gesessen hat, wie viel Haschisch da schon gespritzt wurde – ich möchte es gar nicht wissen. Stattdessen bitte ich ihn, ein wenig über sich zu erzählen.
“Nun”, sagt er, “ich bin jetzt 21 und mache gerade meine Ausbildung als KFZ-Mechatroniker.” Dann dreht er sich ein bisschen auf dem billigen Bürostuhl hin und her. “Joa”, sagt er. “Und was machst du so in deiner Freizeit?” – “Im Moment nicht viel, manchmal mit Freunden was, je nachdem.” – “Und Drogen?” – “Was Drogen?” – “Was für Drogen brauchst du, um morgens aus dem Bett zu kommen?” – “Also ich rauche ab und zu mal Gras, aber ich brauch das sicher nicht, um aus dem Bett zu kommen.” Ich schaue auf seine langen Fußnägel, auf sein ockarfarbenes “Schule gefährdet die Gesundheit”-T-Shirt und dann ist es klar: Arthur steckt bereits in einer tiefen Abhängigkeit. Das Herunterspielen des eigenen Konsums ist ein typisches Muster von Suchtkranken. Sie wollen sich nicht eingestehen, wie süchtig sie selbst sind, wie weit die Droge bereits Einfluss auf ihr Leben genommen hat.
Abrutschen in die Drogenspirale
Suchtkranken darf man kein Wort glauben, so glaubwürdig sie auch scheinen mögen. Stattdessen muss ich mir ein eigenes Bild von Arthurs Welt machen. Ich sage ihm, ich müsse mal sein Badezimmer benutzen, und er erklärt mir, hinter welcher Tür es liegt. Ich schließe die Zimmertür hinter mir und gehe zu dem Schlafzimmer von Arthurs Mutter, die – wie er behauptet – gerade auf der Arbeit ist. Vorsichtshalber gucke ich durchs Schlüsselloch, aber ich kann nichts sehen, es ist zu dunkel. Ich drücke den Türgriff langsam nach unten und öffne sie. Dann gehe ich rein.
Es ist wirklich niemand da. Wahrscheinlich ist seine Mutter gerade bei Penny und kauft sich Sangria für 1,29€, im Tetrapack. Ich sehe mich ein bisschen um und finde einen kleinen Schuhkarton, der halb unterm Bett rausragt. Ich nehme den Deckel ab und gucke rein. Dort drinnen liegen unzählige Kontoauszüge und anderer Papierkram wie Kassenbons und Rechnungsbestätigungen. Ich nehme mir einen Kontoauszug – er ist vom 4. August 2010 – und überfliege ihn. Abbuchungen, Abhebungen, und ganz unten der aktuelle Kontostand: 729,36€. Kein Wunder, wer so wenig Geld hat, dessen Sohn kann nur in die Drogenspirale abrutschen. Ich nehme mir ein paar Kontoauszüge und Rechnungen und stecke sie in die Hosentasche. Dann gehe ich wieder zurück zu Arthur.
Nach einer Weile klingelt es an der Tür. Wahrscheinlich sind es die Nachbarn, die benutzte LSD-Spritzen im Hausflur gefunden haben und gleich wussten, wem die gehören. Arthur steht auf und geht zur Tür. Ich höre, wie er jemanden begrüßt, und dann nutze ich schnell die Gelegenheit, um in seinem Kleiderschrank nach seinem Drogenvorrat zu suchen. Unter seinen Schlüpfern finde ich *****heften, ein typisches Utensil von Drogenkranken, und daneben eine babyblaue Schatulle aus Metall. Ich versuche sie öffnen, aber sie ist abgeschlossen. In einer Schublade, in der Socken verstaut sind, wühle ich nach dem Schlüssel, und ganz unten auf dem Boden finde ich ihn, doch gerade, als ich ihn in das Schloss der Metallbox stecken will, höre ich, wie Arthur und noch eine Person zum Zimmer zurück gehen. Ich stecke den Schlüssel schnell in meine Hosentasche, damit Arthur keine Möglichkeit mehr hat, an seine Drogen zu kommen, und schließe den Schrank.
Zudröhnen, anbaggern, abstürzen
Arthurs Freund ist ein ungepflegter 22-Jähriger, der immer noch nicht gelernt hat, dass man beim Nassrasieren mit dem Strich rasiert und nicht dagegen und jetzt am Hals ganz viele kleine rote Rasierpickel hat. Er sagt, er heiße Fabian, ich könne ihn aber auch einfach Fab nennen, und dann setzt er sich breitbeinig auf die Couch. Jetzt, wo Arthur mit seinem Drogenfreund wieder zusammen ist, taut er richtig auf und kommt in einen Redefluss. Die beiden erzählen sich vom Wochenende, davon, wie volltrunken sie doch wieder waren und ab wann sie die Erinnerung verloren haben, wie nochmal dieses eine Mädchen hieß, das sie angebaggert haben und was für einen Kater sie doch am nächsten Tag hatten. Im Stehen schreibe ich alles mit, jedes einzelne Wort, und Arthur scheint, als hätte er ganz vergessen, dass ich da bin, als sei er in einer Art Trance, in einer anderen Welt, in seiner Welt.
Nach einiger Zeit greift Arthurs Freund in seine Jackentasche, die er über die Lehne des Sofas geworfen hat, und holt eine metallene Box heraus. Er öffnet sie und legt eine kleine, längliche Packung mit der Aufschrift “OCB” auf den Glastisch. Es sind spezielle Blättchen, die man braucht, um sich Haschischzigaretten (auch “Bong” genannt) zu drehen. Man legt die Drogen (z.B. Heroin, Cannabis oder LSD) auf das Papier, rollt es zusammen und zündet es vorne an. Dazu enthalten diese Blättchen bestimmte chemische Stoffe, die alleine keine Wirkung auf den menschlichen Körper haben, in Verbindung mit Drogen aber Halluzinationen und Wahnvorstellungen verursachen. Diesen Drogen-Katalysator gibt es ganz legal an jeder Tankstelle.
Fabian dreht einen Joint, und als er ihn an der Seite anleckt, um ihn zuzumachen, frage ich ihn, wie viele Drogen er am Tag so nimmt. “Ich kiffe eigentlich nicht so oft, am Tag vielleicht ein oder zwei Tüten”, sagt er. Eine “Tüte” ist ein Ausdruck aus dem Drogenjargon und bezeichnet lediglich eine Haschischzigarette. Auf dieses geheime Drogenvokabular greifen Junkies zurück, um ihre Sätze zu verschlüsseln, weil die Drogen sie so paranoid gemacht haben, dass sie denken, zu jeder Stunde und Minute verfolgt zu werden.
Die Drogenklinik bleibt der letzte Ausweg
Die Bong ist fertig. Fabian hält sie Arthur hin, mit der Seite, die man in den Mund steckt, zuerst, und gerade, als er sie anzünden will, entschließe mich dazu, meine Beobachtungen abzubrechen. Ich habe genug gesehen, genug Eindrücke aus Arthurs traurigem Leben gesammelt, als dass ich jetzt noch mit eigenen Augen sehen müsste, wie er unter dem Einfluss von Drogen zur Bestie wird. Außerdem ist es gesetzlich sogar verboten und auch strafbar, sich in einem Raum zu befinden, in dem gerade Drogen konsumiert werden. Beim Verabschieden gebe ich ihnen nicht die Hand, weil es wissenschaftlich erwiesen ist, dass man selbst durch Hautkontakt Drogen aufnehmen kann. Stattdessen bringt mich Arthur noch zur Tür und ich gebe ihm die Nummer von einer Entzugsklinik.
Die Tür fällt hinter mir ins Schloss, der Schlüssel wird zweimal umgedreht. Als ich den langen Flur entlang bis zur Treppe gehe, schaue ich wieder aus dem Fenster. Draußen ist es jetzt fast dunkel, nur die Straßenlaternen erhellen noch den kleinen Spielplatz und den Fußweg. Wahrscheinlich stand Arthur hier auch schon mal, an genau demselben Fenster und zu genau zur gleichen Zeit, und wahrscheinlich hat er sich gedacht, dass es besser wäre, wenn er jetzt einfach springen würde. Dann hätte sein Leid, seine Angst, sein Leben wenigstens ein Ende, und zwar ein würdigeres als an einer Überdosis Haschisch auf der Bahnhofstoilette. Unten im Treppenhaus höre ich wieder die Streitereien der Großfamilien, die sich nicht mehr wie Wortgefechte anhören, sondern wie Schreie. Es sind Hilferufe aus einer Parallelwelt, die dennoch an unsere Welt gerichtet sind. Vor Arthurs Wohnblock hole ich mein Handy aus der Westentasche, wähle und berichte der Polizei von Arthurs Drogenhölle.
Quelle: http://www.eltern-im-netz.net
15692
Kiffen, chillen, rumhängen: Das sind die einzigen Hobbys von Tausenden Jugendlichen in Deutschland. Arthur ist einer von ihnen. Der 21-Jährige kifft täglich, braucht die Droge, um wenigstens für ein paar Stunden aus seiner tristen Realität zu fliehen. Eltern-im-Netz-Redakteur Frank Torthoff war zu Besuch in dieser Realität.
Das muss es sein. Ich blicke nach oben und zähle sechzehn Satellitenschüsseln und vier rote Flaggen mit einem Halbmond und einem Stern, die traurig von den unzähligen Balkons hinab hängen. Sie wehen nicht, denn die Häuser, die bis in den Himmel ragen und den betonierten Innenhof umzingeln, lassen keinen Wind durch. In diesem tristen Wohnblock wohnt Arthur, 21, Hardcore-Junkie. Täglich raucht er in seiner Cannabiszigarette (“Bong”) Haschisch, oder, wie er es nennt, “Gras”. Die Drogen sind seine letzte Hoffnung, sein alltägliches Mittel, mit dem er vor der traurigen Realität Leben fliehen will. Und dieses Leben möchte ich mir heute ansehen.
Ich öffne die milchglasige Eingangstür und gehe rein. Es riecht nach Suppe und Urin, und wenn man ganz leise ist, kann man die arabischen Großfamilien streiten hören, die wie Vieh eingepfercht mit bis zu acht Leuten in einer der winzigen Wohnungen leben. Der Fahrstuhl ist schon lange kaputt, an der metallenen Tür hängt ein Zettel mit der Aufschrift “Defekt”, flüchtig mit Edding hingekritzelt und mit Tesafilm billig festgeklebt. Mühselig steige ich die Stufen bis in den 6. Stock, und mit jeder Etage wird die Luft dicker und der Uringestank stärker. Als ich angekommen bin, schaue ich aus dem Fenster. Von hier oben kann man die ganze Nachbarschaft überblicken, und von hier oben sieht sie nochmal ein Stück trister aus als von unten. Vor einer Tür bleibe ich stehen und klingel. Drinnen summt es schrill, dann herrscht Stille. Nach ein paar Sekunden höre ich Türen und dumpfe Schritte auf dem Teppichboden. Die Tür geht auf.
Ein Leben im Elend
Vor mir steht Arthur, in einer hellgrauen, viel zu breiten Jogginghose und einem T-Shirt mit der Aufschrift “Schule gefährdet die Gesundheit”. Er ist barfuß, und man kann sehen, dass er sehr lange Fußnägel hat. Im Gesicht trägt er einen fiesen Oberlippenbart und die schwarzen, ohrlangen Haare sind noch nass. “Ach, hallo”, sagt er, “entschuldigen Sie, ich komme gerade aus der Dusche. Kommen Sie rein.” Er reicht mir die Hand, und gerade, als ich ihm meine entgegen strecke, sehe ich, dass auch die Nägel an seinen Fingern ungeschnitten sind, und ziehe sie wieder zurück.
Im Hausflur riecht es muffig, nur Arthurs frisch gewaschenen Haare verstreuen ein wenig den Geruch von Kokosnuss. Bevor ich meine Weste an die Garderobe hänge, nehme ich vorsichtshalber all meine Gegenstände aus den Taschen und stecke sie in die Hosentasche. Arthur führt mich zu seinem Zimmer, es liegt ganz am Ende des Flurs. Auf dem Weg dahin kommen wir an der Küche vorbei und an einem Zimmer, dessen Tür verschlossen ist. Ich frage ihn, was das für ein Zimmer sei. “Das ist das Schlafzimmer meiner Mutter”, antwortet er. “Was arbeitet sie denn?” – “An einer Tankstelle. Deswegen ist sie jetzt auch gerade auf der Arbeit.” Eine verschlossene Schlafzimmertür, eine Tankstellenwärterin als Mutter – die perfekte Ausrede. So kann er zu jeder Zeit behaupten, seine Mutter sei gerade arbeiten, während sie in Wirklichkeit nachmittags um fünf in ihrem Bett liegt und ihren Rausch ausschläft.
Endstation: Kiffer
Als wir an Arthurs Kinderzimmer angekommen sind und er die Tür öffnet, dröhnt Musik entgegen. Es ist typische Drogen-Musik, wie sie auch auf Heroin-Feten wie der Loveparade gespielt wird. Die schnellen Rhythmen und die wummernden Bässe versetzen den Abhängigen in einen Zustand der Trance, der die Drogenwirkung nochmals verstärkt – wenn der Haschisch-Kick allein nicht genug ist. “Moment, ich mach das eben leiser”, sagt Arthur, geht schnell zu seinem Computer und dreht die Lautstärke runter.
Das Zimmer ist winzig; auf der linken Seite ein mit Stickern beklebter Kleiderschrank, daneben ein Schreibtisch, auf dessen Tischplatte mit Edding herumgekritzelt worden ist. Auf der gegenüberliegen Seite steht eine verranzte Couch, dazwischen ein bis zu den Knien reichender Glastisch, auf dem durcheinander gebrachte Zettel und Mappen liegen.
“Hast du kein Bett, musst du auf dem Boden schlafen?”, frage ich Arthur. “Doch, da”, antwortet er und zeigt auf die durchgesessene Couch. “So ein Klappsofa, das kann man ausziehen.” Er sagt mir, ich könne mich gerne setzen, aber auf dieses Sofa setze ich mich auf gar keinen Fall. Wer dort schon alles drauf gesessen hat, wie viel Haschisch da schon gespritzt wurde – ich möchte es gar nicht wissen. Stattdessen bitte ich ihn, ein wenig über sich zu erzählen.
“Nun”, sagt er, “ich bin jetzt 21 und mache gerade meine Ausbildung als KFZ-Mechatroniker.” Dann dreht er sich ein bisschen auf dem billigen Bürostuhl hin und her. “Joa”, sagt er. “Und was machst du so in deiner Freizeit?” – “Im Moment nicht viel, manchmal mit Freunden was, je nachdem.” – “Und Drogen?” – “Was Drogen?” – “Was für Drogen brauchst du, um morgens aus dem Bett zu kommen?” – “Also ich rauche ab und zu mal Gras, aber ich brauch das sicher nicht, um aus dem Bett zu kommen.” Ich schaue auf seine langen Fußnägel, auf sein ockarfarbenes “Schule gefährdet die Gesundheit”-T-Shirt und dann ist es klar: Arthur steckt bereits in einer tiefen Abhängigkeit. Das Herunterspielen des eigenen Konsums ist ein typisches Muster von Suchtkranken. Sie wollen sich nicht eingestehen, wie süchtig sie selbst sind, wie weit die Droge bereits Einfluss auf ihr Leben genommen hat.
Abrutschen in die Drogenspirale
Suchtkranken darf man kein Wort glauben, so glaubwürdig sie auch scheinen mögen. Stattdessen muss ich mir ein eigenes Bild von Arthurs Welt machen. Ich sage ihm, ich müsse mal sein Badezimmer benutzen, und er erklärt mir, hinter welcher Tür es liegt. Ich schließe die Zimmertür hinter mir und gehe zu dem Schlafzimmer von Arthurs Mutter, die – wie er behauptet – gerade auf der Arbeit ist. Vorsichtshalber gucke ich durchs Schlüsselloch, aber ich kann nichts sehen, es ist zu dunkel. Ich drücke den Türgriff langsam nach unten und öffne sie. Dann gehe ich rein.
Es ist wirklich niemand da. Wahrscheinlich ist seine Mutter gerade bei Penny und kauft sich Sangria für 1,29€, im Tetrapack. Ich sehe mich ein bisschen um und finde einen kleinen Schuhkarton, der halb unterm Bett rausragt. Ich nehme den Deckel ab und gucke rein. Dort drinnen liegen unzählige Kontoauszüge und anderer Papierkram wie Kassenbons und Rechnungsbestätigungen. Ich nehme mir einen Kontoauszug – er ist vom 4. August 2010 – und überfliege ihn. Abbuchungen, Abhebungen, und ganz unten der aktuelle Kontostand: 729,36€. Kein Wunder, wer so wenig Geld hat, dessen Sohn kann nur in die Drogenspirale abrutschen. Ich nehme mir ein paar Kontoauszüge und Rechnungen und stecke sie in die Hosentasche. Dann gehe ich wieder zurück zu Arthur.
Nach einer Weile klingelt es an der Tür. Wahrscheinlich sind es die Nachbarn, die benutzte LSD-Spritzen im Hausflur gefunden haben und gleich wussten, wem die gehören. Arthur steht auf und geht zur Tür. Ich höre, wie er jemanden begrüßt, und dann nutze ich schnell die Gelegenheit, um in seinem Kleiderschrank nach seinem Drogenvorrat zu suchen. Unter seinen Schlüpfern finde ich *****heften, ein typisches Utensil von Drogenkranken, und daneben eine babyblaue Schatulle aus Metall. Ich versuche sie öffnen, aber sie ist abgeschlossen. In einer Schublade, in der Socken verstaut sind, wühle ich nach dem Schlüssel, und ganz unten auf dem Boden finde ich ihn, doch gerade, als ich ihn in das Schloss der Metallbox stecken will, höre ich, wie Arthur und noch eine Person zum Zimmer zurück gehen. Ich stecke den Schlüssel schnell in meine Hosentasche, damit Arthur keine Möglichkeit mehr hat, an seine Drogen zu kommen, und schließe den Schrank.
Zudröhnen, anbaggern, abstürzen
Arthurs Freund ist ein ungepflegter 22-Jähriger, der immer noch nicht gelernt hat, dass man beim Nassrasieren mit dem Strich rasiert und nicht dagegen und jetzt am Hals ganz viele kleine rote Rasierpickel hat. Er sagt, er heiße Fabian, ich könne ihn aber auch einfach Fab nennen, und dann setzt er sich breitbeinig auf die Couch. Jetzt, wo Arthur mit seinem Drogenfreund wieder zusammen ist, taut er richtig auf und kommt in einen Redefluss. Die beiden erzählen sich vom Wochenende, davon, wie volltrunken sie doch wieder waren und ab wann sie die Erinnerung verloren haben, wie nochmal dieses eine Mädchen hieß, das sie angebaggert haben und was für einen Kater sie doch am nächsten Tag hatten. Im Stehen schreibe ich alles mit, jedes einzelne Wort, und Arthur scheint, als hätte er ganz vergessen, dass ich da bin, als sei er in einer Art Trance, in einer anderen Welt, in seiner Welt.
Nach einiger Zeit greift Arthurs Freund in seine Jackentasche, die er über die Lehne des Sofas geworfen hat, und holt eine metallene Box heraus. Er öffnet sie und legt eine kleine, längliche Packung mit der Aufschrift “OCB” auf den Glastisch. Es sind spezielle Blättchen, die man braucht, um sich Haschischzigaretten (auch “Bong” genannt) zu drehen. Man legt die Drogen (z.B. Heroin, Cannabis oder LSD) auf das Papier, rollt es zusammen und zündet es vorne an. Dazu enthalten diese Blättchen bestimmte chemische Stoffe, die alleine keine Wirkung auf den menschlichen Körper haben, in Verbindung mit Drogen aber Halluzinationen und Wahnvorstellungen verursachen. Diesen Drogen-Katalysator gibt es ganz legal an jeder Tankstelle.
Fabian dreht einen Joint, und als er ihn an der Seite anleckt, um ihn zuzumachen, frage ich ihn, wie viele Drogen er am Tag so nimmt. “Ich kiffe eigentlich nicht so oft, am Tag vielleicht ein oder zwei Tüten”, sagt er. Eine “Tüte” ist ein Ausdruck aus dem Drogenjargon und bezeichnet lediglich eine Haschischzigarette. Auf dieses geheime Drogenvokabular greifen Junkies zurück, um ihre Sätze zu verschlüsseln, weil die Drogen sie so paranoid gemacht haben, dass sie denken, zu jeder Stunde und Minute verfolgt zu werden.
Die Drogenklinik bleibt der letzte Ausweg
Die Bong ist fertig. Fabian hält sie Arthur hin, mit der Seite, die man in den Mund steckt, zuerst, und gerade, als er sie anzünden will, entschließe mich dazu, meine Beobachtungen abzubrechen. Ich habe genug gesehen, genug Eindrücke aus Arthurs traurigem Leben gesammelt, als dass ich jetzt noch mit eigenen Augen sehen müsste, wie er unter dem Einfluss von Drogen zur Bestie wird. Außerdem ist es gesetzlich sogar verboten und auch strafbar, sich in einem Raum zu befinden, in dem gerade Drogen konsumiert werden. Beim Verabschieden gebe ich ihnen nicht die Hand, weil es wissenschaftlich erwiesen ist, dass man selbst durch Hautkontakt Drogen aufnehmen kann. Stattdessen bringt mich Arthur noch zur Tür und ich gebe ihm die Nummer von einer Entzugsklinik.
Die Tür fällt hinter mir ins Schloss, der Schlüssel wird zweimal umgedreht. Als ich den langen Flur entlang bis zur Treppe gehe, schaue ich wieder aus dem Fenster. Draußen ist es jetzt fast dunkel, nur die Straßenlaternen erhellen noch den kleinen Spielplatz und den Fußweg. Wahrscheinlich stand Arthur hier auch schon mal, an genau demselben Fenster und zu genau zur gleichen Zeit, und wahrscheinlich hat er sich gedacht, dass es besser wäre, wenn er jetzt einfach springen würde. Dann hätte sein Leid, seine Angst, sein Leben wenigstens ein Ende, und zwar ein würdigeres als an einer Überdosis Haschisch auf der Bahnhofstoilette. Unten im Treppenhaus höre ich wieder die Streitereien der Großfamilien, die sich nicht mehr wie Wortgefechte anhören, sondern wie Schreie. Es sind Hilferufe aus einer Parallelwelt, die dennoch an unsere Welt gerichtet sind. Vor Arthurs Wohnblock hole ich mein Handy aus der Westentasche, wähle und berichte der Polizei von Arthurs Drogenhölle.
Quelle: http://www.eltern-im-netz.net