XO Snatchy
29.11.2010, 04:52
Hunderttausende Depeschen einsehbar
7742
Wikileaks will im Netz 251.287 diplomatische Berichte aus US-Botschaften veröffentlichen.
Bislang wurden jedoch nur einige hundert Depechen unter der Adresse cablegate.wikileaks.org online gestellt. Mehrere internationale Medien wurden vorab versorgt - unter anderem der "Spiegel".
Die Website der Enthüllungsaktivisten wurde nach eigenen Angaben vor der Veröffentlichung durch eine umfassende Daten-Attacke lahmgelegt.
Die Adresse www.wikileaks.org (http://www.wikileaks.org) ist nach einem DDoS-Angriff (Distributed Denial of Service) nicht mehr erreichbar.
Bei einer DDoS-Attacke werden in einer abgestimmten Aktion von verschiedenen Stellen aus unzählige Datenanfragen an die Website gerichtet, bis der Webserver lahmgelegt ist.
Wer hinter dem Angriff steht, war zunächst unklar.
Schlechte Noten für Westerwelle - bessere für Merkel
Bundesaußenminister Guido Westerwelle wird in den Berichten schlecht bewertet. Seine Gedanken hätten "wenig Substanz", zitiert der "Spiegel" ein Schreiben mit der Unterschrift des US-Botschafters Philip Murphy aus dem September 2009 - also vor der Bundestagswahl.
Seine "Beherrschung komplexer außen- und sicherheitspolitischer Themen" müsse noch vertieft werden, heiße es weiter.
Westerwelle werde "wenn er direkt herausgefordert wird, vor allem von politischen Schwergewichten, aggressiv und äußert sich abfällig über die Meinungen anderer Leute".
http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/murphy108_v-mittel16x9.jpg (http://www.tagesschau.de/ausland/wikileaks182-magnifier_pos-1.html)
[Bildunterschrift: US-Botschafter Murphy ließ vor der
Bundestagswahl an Guido Westerwelle kein gutes Haar. ]
Laut "Spiegel" hält das US-Außenministerium das Kanzleramt für den besseren Ansprechpartner und bescheinigt Kanzlerin Angela Merkel mehr Erfahrung in Regierungsarbeit und Außenpolitik als Westerwelle.
In wichtigen Fragen wenden sich die US-Diplomaten deshalb laut "Spiegel" an Merkels außenpolitischen Berater Christoph Heusgen.
Die Kanzlerin selbst wird von Washington eher nüchtern beurteilt.
In einem Memo an Obama vor seinem Treffen mit Merkel im April 2009 in Baden-Baden beschreibt der damalige Geschäftsträger der US-Botschaft, John Koenig, die Kanzlerin als "methodisch, rational und pragmatisch".
Unter Druck agiere sie "beharrlich, aber sie meidet das Risiko und ist selten kreativ".
Weil vieles an ihr abgleite, werde die Regierungschefin intern in den US-Berichten "Angela 'Teflon' Merkel" genannt - in Anspielung auf die nichthaftende Beschichtung von Bratpfannen.
"Alpha-Rüde" Putin?
Aus den Dokumenten, aus denen der "Spiegel" in seiner neuesten Ausgabe zitiert, geht auch hervor: Der afghanische Präsident Hamid Karsai wird als "schwache Persönlichkeit" beschrieben, der von "Paranoia" und "Verschwörungsvorstellungen" getrieben werde. Russlands Premierminister Wladimir Putin werde als "Alpha-Rüde" bezeichnet, Präsident Dimitri Medwedjew als "blass" und "zögerlich".
http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/putin254_v-mittel16x9.jpg (http://www.tagesschau.de/ausland/wikileaks182-magnifier_pos-2.html)
[Bildunterschrift: Auch über Premier Putin steht in den Depeschen Uncharmantes. ]
Laut "Spiegel" stammen 90 Prozent der Dokumente aus der Zeit seit 2005.
Nur sechs Prozent seien als "geheim" eingestuft, 40 Prozent als "vertraulich".
Das meiste Material stamme aus der Botschaft in Ankara, gefolgt von der US-Vertretung in Bagdad.
1719 Berichte stammten aus der US-Botschaft Berlin.
Das Magazin wollte die Ausgabe in Absprache mit anderen internationalen Medien eigentlich erst am Sonntagabend um 22.30 Uhr veröffentlichen.
Jedoch wurden im Internet bereits zuvor Hinweise auf Kopien versendet.
Auch an einzelnen Bahnhöfen war der "Spiegel" zu kaufen.
Gegen 19.30 Uhr veröffentlichten auch die "New York Times", der britische "Guardian", das französische Blatt "Le Monde" sowie "El País" in Spanien ihre Analysen des Materials zeitgleich im Internet.
Israel und arabische Staaten drängten auf Iran-Angriff
Nach Darstellung des "Guardian" versuchten die USA, die Führung der Vereinten Nationen auszuspionieren.
Ein Schlaglicht wird auch auf sehr schwierige politische Prozesse, etwa im Iran geworfen.
So hätten Israel genauso wie arabische Verbündete die USA zu einem Militärschlag gegen den Iran gedrängt.
Israels Verteidigungsminister Ehud Barak habe im Juni 2009 geäußert, es gebe ein "Zeitfenster von sechs bis 18 Monaten", in dem ein militärisches Eingreifen zur Zerstörung der Nuklearanlagen im Iran günstig sei, enthüllte der "Guardian".
Weißes Haus krisitiert "rücksichtsloses und gefährliches Handeln"
Das Weiße Haus verurteilte das Vorgehen von Wikileaks. Präsident Barack Obama unterstütze "ein verantwortliches, zuverlässiges und offenes Regieren daheim und in aller Welt, aber solch rücksichtsloses und gefährliches Handeln widerspricht diesen Zielen", sagte der Sprecher Robert Gibbs.
Die Publikation der vertraulichen und teils geheimen Dokumente gefährde weltweit Regimekritiker und Oppositionsführer, die im Kontakt mit US-Diplomaten stünden.
Die US-Regierung geht davon aus, dass die geheimen Papiere aus dem Computersystem des Außenministeriums gestohlen worden waren.
US-Botschafter: "Bin unglaublich wütend"
Botschafter Murphy rechtfertigte die Einschätzungen seiner Kollegen als normale diplomatische Arbeit.
"Wir reden mit Leuten, man lernt sich kennen, man vertraut sich, man teilt Einschätzungen", sagte er im "Spiegel"-Interview.
Zugleich räumte der Chefdiplomat ein, er sei "unglaublich wütend" auf denjenigen, der das Material heruntergeladen habe.
Seine Leute hätten aber "nichts falsch gemacht", sagte Murphy dem Magazin.
Das US-Außenministerium war bereits im Vorfeld in die Offensive gegangen.
Ministerin Hillary Clinton informierte verbündete Staaten über die Inhalte potenziell heikler oder peinlicher Telegramme aus US-Botschaften an die Zentrale in Washington.
Laut Clinton-Sprecher Philip Crowley wurden unter anderem Frankreich, Großbritannien, Israel, Saudi-Arabien, Afghanistan, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Deutschland auf die Veröffentlichung vorbereitet.
Sein Land stelle sich auf den "schlimmsten Fall" ein, sagte Crowley.
USA lehnen Verhandlungen mit Wikileaks ab
Die US-Regierung lehnte kurz vor der angekündigten Veröffentlichung Gespräche mit Wikileaks ab.
"Wir werden uns an keinen Verhandlungen über die Verbreitung illegal erworbener Geheimberichte der US-Regierung beteiligen", schrieb der Rechtsberater des US-Außenministeriums, Harold Koh, an Wikileaks-Mitbegründer Julian Assange und dessen Anwalt.
Dass Wikileaks im Besitz dieses Materials sei, verstoße gegen US-Gesetze.
Nach US-Angaben hatte Assange sich am Freitag an das US-Außenministerium gewandt, um Informationen darüber zu erhalten, wer durch die Enthüllungen gefährdet seien könnte.
Quelle: http://www.tagesschau.de/ausland/wikileaks182.html
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Wikileaks will im Netz 251.287 diplomatische Berichte aus US-Botschaften veröffentlichen.
Bislang wurden jedoch nur einige hundert Depechen unter der Adresse cablegate.wikileaks.org online gestellt. Mehrere internationale Medien wurden vorab versorgt - unter anderem der "Spiegel".
Die Website der Enthüllungsaktivisten wurde nach eigenen Angaben vor der Veröffentlichung durch eine umfassende Daten-Attacke lahmgelegt.
Die Adresse www.wikileaks.org (http://www.wikileaks.org) ist nach einem DDoS-Angriff (Distributed Denial of Service) nicht mehr erreichbar.
Bei einer DDoS-Attacke werden in einer abgestimmten Aktion von verschiedenen Stellen aus unzählige Datenanfragen an die Website gerichtet, bis der Webserver lahmgelegt ist.
Wer hinter dem Angriff steht, war zunächst unklar.
Schlechte Noten für Westerwelle - bessere für Merkel
Bundesaußenminister Guido Westerwelle wird in den Berichten schlecht bewertet. Seine Gedanken hätten "wenig Substanz", zitiert der "Spiegel" ein Schreiben mit der Unterschrift des US-Botschafters Philip Murphy aus dem September 2009 - also vor der Bundestagswahl.
Seine "Beherrschung komplexer außen- und sicherheitspolitischer Themen" müsse noch vertieft werden, heiße es weiter.
Westerwelle werde "wenn er direkt herausgefordert wird, vor allem von politischen Schwergewichten, aggressiv und äußert sich abfällig über die Meinungen anderer Leute".
http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/murphy108_v-mittel16x9.jpg (http://www.tagesschau.de/ausland/wikileaks182-magnifier_pos-1.html)
[Bildunterschrift: US-Botschafter Murphy ließ vor der
Bundestagswahl an Guido Westerwelle kein gutes Haar. ]
Laut "Spiegel" hält das US-Außenministerium das Kanzleramt für den besseren Ansprechpartner und bescheinigt Kanzlerin Angela Merkel mehr Erfahrung in Regierungsarbeit und Außenpolitik als Westerwelle.
In wichtigen Fragen wenden sich die US-Diplomaten deshalb laut "Spiegel" an Merkels außenpolitischen Berater Christoph Heusgen.
Die Kanzlerin selbst wird von Washington eher nüchtern beurteilt.
In einem Memo an Obama vor seinem Treffen mit Merkel im April 2009 in Baden-Baden beschreibt der damalige Geschäftsträger der US-Botschaft, John Koenig, die Kanzlerin als "methodisch, rational und pragmatisch".
Unter Druck agiere sie "beharrlich, aber sie meidet das Risiko und ist selten kreativ".
Weil vieles an ihr abgleite, werde die Regierungschefin intern in den US-Berichten "Angela 'Teflon' Merkel" genannt - in Anspielung auf die nichthaftende Beschichtung von Bratpfannen.
"Alpha-Rüde" Putin?
Aus den Dokumenten, aus denen der "Spiegel" in seiner neuesten Ausgabe zitiert, geht auch hervor: Der afghanische Präsident Hamid Karsai wird als "schwache Persönlichkeit" beschrieben, der von "Paranoia" und "Verschwörungsvorstellungen" getrieben werde. Russlands Premierminister Wladimir Putin werde als "Alpha-Rüde" bezeichnet, Präsident Dimitri Medwedjew als "blass" und "zögerlich".
http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/putin254_v-mittel16x9.jpg (http://www.tagesschau.de/ausland/wikileaks182-magnifier_pos-2.html)
[Bildunterschrift: Auch über Premier Putin steht in den Depeschen Uncharmantes. ]
Laut "Spiegel" stammen 90 Prozent der Dokumente aus der Zeit seit 2005.
Nur sechs Prozent seien als "geheim" eingestuft, 40 Prozent als "vertraulich".
Das meiste Material stamme aus der Botschaft in Ankara, gefolgt von der US-Vertretung in Bagdad.
1719 Berichte stammten aus der US-Botschaft Berlin.
Das Magazin wollte die Ausgabe in Absprache mit anderen internationalen Medien eigentlich erst am Sonntagabend um 22.30 Uhr veröffentlichen.
Jedoch wurden im Internet bereits zuvor Hinweise auf Kopien versendet.
Auch an einzelnen Bahnhöfen war der "Spiegel" zu kaufen.
Gegen 19.30 Uhr veröffentlichten auch die "New York Times", der britische "Guardian", das französische Blatt "Le Monde" sowie "El País" in Spanien ihre Analysen des Materials zeitgleich im Internet.
Israel und arabische Staaten drängten auf Iran-Angriff
Nach Darstellung des "Guardian" versuchten die USA, die Führung der Vereinten Nationen auszuspionieren.
Ein Schlaglicht wird auch auf sehr schwierige politische Prozesse, etwa im Iran geworfen.
So hätten Israel genauso wie arabische Verbündete die USA zu einem Militärschlag gegen den Iran gedrängt.
Israels Verteidigungsminister Ehud Barak habe im Juni 2009 geäußert, es gebe ein "Zeitfenster von sechs bis 18 Monaten", in dem ein militärisches Eingreifen zur Zerstörung der Nuklearanlagen im Iran günstig sei, enthüllte der "Guardian".
Weißes Haus krisitiert "rücksichtsloses und gefährliches Handeln"
Das Weiße Haus verurteilte das Vorgehen von Wikileaks. Präsident Barack Obama unterstütze "ein verantwortliches, zuverlässiges und offenes Regieren daheim und in aller Welt, aber solch rücksichtsloses und gefährliches Handeln widerspricht diesen Zielen", sagte der Sprecher Robert Gibbs.
Die Publikation der vertraulichen und teils geheimen Dokumente gefährde weltweit Regimekritiker und Oppositionsführer, die im Kontakt mit US-Diplomaten stünden.
Die US-Regierung geht davon aus, dass die geheimen Papiere aus dem Computersystem des Außenministeriums gestohlen worden waren.
US-Botschafter: "Bin unglaublich wütend"
Botschafter Murphy rechtfertigte die Einschätzungen seiner Kollegen als normale diplomatische Arbeit.
"Wir reden mit Leuten, man lernt sich kennen, man vertraut sich, man teilt Einschätzungen", sagte er im "Spiegel"-Interview.
Zugleich räumte der Chefdiplomat ein, er sei "unglaublich wütend" auf denjenigen, der das Material heruntergeladen habe.
Seine Leute hätten aber "nichts falsch gemacht", sagte Murphy dem Magazin.
Das US-Außenministerium war bereits im Vorfeld in die Offensive gegangen.
Ministerin Hillary Clinton informierte verbündete Staaten über die Inhalte potenziell heikler oder peinlicher Telegramme aus US-Botschaften an die Zentrale in Washington.
Laut Clinton-Sprecher Philip Crowley wurden unter anderem Frankreich, Großbritannien, Israel, Saudi-Arabien, Afghanistan, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Deutschland auf die Veröffentlichung vorbereitet.
Sein Land stelle sich auf den "schlimmsten Fall" ein, sagte Crowley.
USA lehnen Verhandlungen mit Wikileaks ab
Die US-Regierung lehnte kurz vor der angekündigten Veröffentlichung Gespräche mit Wikileaks ab.
"Wir werden uns an keinen Verhandlungen über die Verbreitung illegal erworbener Geheimberichte der US-Regierung beteiligen", schrieb der Rechtsberater des US-Außenministeriums, Harold Koh, an Wikileaks-Mitbegründer Julian Assange und dessen Anwalt.
Dass Wikileaks im Besitz dieses Materials sei, verstoße gegen US-Gesetze.
Nach US-Angaben hatte Assange sich am Freitag an das US-Außenministerium gewandt, um Informationen darüber zu erhalten, wer durch die Enthüllungen gefährdet seien könnte.
Quelle: http://www.tagesschau.de/ausland/wikileaks182.html